Atelier für Grafikdesign
und Typografie
11.2016
– Interview –
Kunst, Kommerz und Kinderkriegen
Kunst Kommerz Kinderkriegen Umschlag Vor wenigen Wochen ist das Buch »Kunst, Kommerz und Kinderkriegen« von André Hennen erschienen. Der Autor vergleicht, dank seiner persönlichen Erfahrungen, die Unterschiede zwischen Festanstellung, Freelance, Firmen- und Familiengründung. Dabei stellt er dem Leser immer wieder Fragen, die jeder für sich selbst beantworten kann. Das Buch kann uns die Entscheidung nicht abnehmen, ob wir besser fest oder frei arbeiten sollten, aber sie uns definitiv leichter machen. Wir haben mit ihm ein kleines Interview geführt.

Wie entstand die Idee zu dem Buch?

Bei den Studenten der Texterschmiede und der FSG Hamburg. Ich mache da seit Jahren zusammen mit meinem ehemaligen Art-Partner Jan Wölfel Vorträge zum Thema Portfolio. Ursprünglich ging’s dabei vor allem darum, wie man einen Job in einer Top-Agentur bekommt. Für ein gutes Portfolio muss man aber wissen, wo man damit hin will, also spielte die Frage nach den Zielen immer eine große Rolle. Und da merkte man: Dieser Zug in die Top-Agenturen wurde von Jahr zu Jahr weniger. Es kamen immer mehr Fragen nach Spezial-Agenturen, Game-Studios, was Selbstständigkeit konkret bedeutet und wie man das macht.  Da hab’ ich schon gemerkt, okay, hier fehlt etwas, was neutral bei der Orientierung zwischen den Arbeitssystemen (fest, frei und Firmengründung) hilft.  Und dann gibt’s eine riesige Studie zum Thema Mitarbeiterzufriedenheit. Die heißt »Gallup Engagement Index« und erklärt jedes Jahr aufs Neue, dass über 80 Prozent aller Angestellten bestenfalls Dienst nach Vorschrift machen oder sogar innerlich gekündigt haben und ihren Job wirklich hassen. Das muss man sich mal vorstellen: 80 Prozent von fast 44 Millionen Angestellten in Deutschland verbringen den absoluten Großteil ihres Lebens und die besten Jahre mit etwas, was ihnen zumindest wenig Freude macht. Der Gedanke hat mich wirklich fertig gemacht. Ich wollte irgendwas machen, was zumindest einigen Menschen dabei hilft, wieder Spaß an der eigenen Arbeit zu empfinden. Dann hab ich beim Verlag Hermann Schmidt angerufen und denen erzählt, was ich vorhabe. Die waren nicht nur wahnsinnig nett, sondern haben das auch tatsächlich mit mir durchgezogen.  KuKoKi_Doppelseite1_Druck

Wieso hast du mit einer Festanstellung angefangen und nicht mit einer freiberuflichen Tätigkeit?

Weil ich das damals gar nicht gekonnt hätte. Texten lernt man eben nur durch Texten und idealerweise hilft einem ein guter Chef dabei. Den muss man ja auch erstmal finden. Das hat bei mir ungefähr fünf-sechs Jahre gedauert, bis ich meine eigenen Ideen einigermaßen sicher bewerten konnte und wusste, was ich gut kann und was nicht. Wenn man das noch nicht weiß, ist Festanstellung ein gutes Feld um sich auszuprobieren und zu lernen. Wenn man sein Handwerk sicher beherrscht und am besten noch ein gutes Netzwerk hat, steht einem jedes Arbeitssystem offen.  KuKoKi_Doppelseite2_Druck

Vermisst du etwas an einer Festanstellung, dass du jetzt nicht mehr hast? Strukturen etc.

Ich vermisse mein altes Team und meinen Team-Partner. Das schon. Alles andere nicht. Das ist eben eine Typfrage, welches System man mag und welches nicht. Meine Freiheit bei der Arbeit ist mir enorm wichtig. Allein dieses hinsetzen und sich sagen: So, ich schreib’ jetzt ein Buch! Das ist ein Maß an Freiheit, was logischerweise kein Arbeitgeber mitmacht.  Feste Strukturen vermisse ich daher überhaupt nicht, weil ich mich lieber Morgens kurz hinsetze und einen kleinen Plan mache. Das hab’ ich aus unserer Zeit als CDs mitgenommen. Da haben Jan und ich jeden Morgen um 9:30 ein 5-Minuten WerMachtWas-Meeting gemacht. Das ist das einzig wirklich sinnvolle Meeting überhaupt. Für Digitalagenturen sind solche Standups ein alter Hut. Die machen auch viel seltener Überstunden als klassische Agenturen. Könnte sein, dass es da einen Zusammenhang gibt … ;)  Also Struktur: gern. Aber wenn die Struktur nicht flexibel ist, arbeitet man gegen die Struktur an. Das sind diese Momente in Agenturen, in denen zehn Leute bis 16 Uhr Däumchen drehen, weil ein Entscheider eben erst um 16 Uhr Zeit hat und bis dahin alles stillsteht. Oder ein Team hat seit Tagen nichts zu tun und hält sich unauffällig bedeckt, während ein anderes in Arbeit versinkt. Sowas fällt dann morgens sofort auf. Außerdem sieht jeder, dass der andere ja auch was macht. Also man unterbindet viel Flurfunk-Getuschel.  KuKoKi_Doppelseite3_Druck

Welchen Typ Mensch siehst du eher in der Festanstellung und wen als Freiberufler?

Im Buch gibt’s zu jedem Arbeitssystem ein Kapitel mit kritischen Fragen, die man sich stellen kann. Dann merkt man recht schnell, was zu einem passt.  Zum Beispiel eine Frage für Freelance: Können Sie damit leben, dass Sie oft nicht wissen, was nächsten Monat passiert? Das empfinden manche als große Freiheit, andere aber bekommen große Angst. Festangestellte sollten sich vor allem darüber im Klaren sein, dass sie immer jemandem folgen. Selbstverwirklichung sollte einem nicht allzu wichtig sein, außer man strebt Richtung Geschäftsführung oder Vorstand. Man folgt einem Kapitän, der sagt, wo es hin geht. Gefällt einem das Ziel nicht, muss man von Bord. Ganz einfach.  Ein Spezialfall sind sehr erfahrene Kreative, die keine Managementtätigkeiten übernehmen wollen, aber trotzdem als sehr gute Senior-Kreative bezahlt werden wollen. Das bedeutet in Deutschland fast immer Freelance. Denn die Gehälter für z.B. Senior-Texter sind irgendwann gedeckelt. Auch extrem gute Senior-Texter werden in Deutschland als Angestellte nie mehr als ein CD verdienen. In England ist das durchaus möglich. Und als Freelancer eben auch.  KuKoKi_Doppelseite4_Druck

Kannst du uns kurz und knapp erläutern, wie für dich das perfekte Portfolio aussieht?

Wenn man damit sein Ziel erreicht, ist es perfekt.   Angenommen, ein Musiker möchte unbedingt mal mit einem bestimmten Regisseur arbeiten und er macht einen Song extra für ihn und seine Arbeit – und der Regisseur ruft in begeistert zurück und sagt: Super! Lass und was machen! Dann ist dieser eine Song das perfekte Portfolio für den Musiker gewesen.  Aber im Allgemeinen reicht es, seine Arbeiten sauber und klar strukturiert zu präsentieren. Ob mit einer Website oder in einem PDF ist eigentlich egal. Es gibt tatsächlich ein Gestaltungsraster, mit dem jeder Personaler sofort klar kommt. Titelchart, Arbeiten mit kurzer Info was es ist und was man dabei gemacht hat und zum Schluss Vita und Kontakt. Okay, es ist ein bisschen komplexer als das, aber du wolltest es ja kurz und knapp ;)

Muss mein Leben erst geordnet sein, bevor ich ein Kind bekomme?

Ich weiß nicht, was »geordnet« genau bedeutet. Eine gewisse finanzielle Sicherheit sollte schon vorhanden sein. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig Festanstellung. Ein Freelancer mit sehr gutem Netzwerk und festem Kundenstamm hat sogar mehr Sicherheit als ein Festangestellter, der von nur einem großen Kunden abhängig ist.  Wichtiger ist eher die Partnerschaft. Die sollte stabil sein, denn ein Kind ist schon ein kleines Erdbeben für die Beziehung. Wenn es da vorher schon Risse gab, wird das schnell zum Trümmerhaufen. Im Kindertrubel wird die Beziehung auch schnell zur Selbstverständlichkeit, was oft ein baldiges Ende bedeutet. Ich hab für das Buch viele Interviews geführt. Auch mit Paaren, die sich getrennt haben, weil sich das Leben irgendwann nur noch um die Kinder gedreht hat. Ein geschiedener Vater meinte zu mir: »Wir hatten irgendwann nur noch Termine für die Kinder. Vom Turnen zur Musikstunde und ab zum Ponyreiten. Wir hätten einfach öfter Tagesmutter oder Babysitter nehmen sollen und wären zusammen wieder Feiern gegangen. Unterm Strich wär das für die Kinder sicher besser gewesen, als jetzt nach der Scheidung.« KuKoKi_Doppelseite5_Druck

Was ist dein Ziel im Berufsleben? Kunst, Kommerz, Kinderkriegen? Auf was setzt du deinen Fokus? Bist du deinem Ziel schon nahe gekommen?

Das sind ja viele Fragen, also: Ich bin Kunst und Kinderkriegen deutlich näher als Kommerz. Geld muss aber trotzdem grundsolide gesichert sein. Wir haben irgendwann grob definiert, wieviel Geld wir zum Glücklichsein brauchen. Das ist tatsächlich nicht übermäßig viel und vor allem muss es nicht ständig mehr werden. Das macht einen schon entspannter. Gleichzeitig bin ich bei Verhandlungen sehr hart. Ich verlange immer denselben Tagessatz. Ich mache keine geringer bezahlen Pitches, gebe keinen Langzeit-Rabatt oder mache gratis Arbeit für Start-ups (die ja gerne mal wie Sozialprojekte daher kommen, was ich besonders perfide finde). Beim Thema Kunst ist mir, wie gesagt, meine Freiheit wichtig, daher bin ich Freelancer. Zeitlich versuche ich das immer mit dem Thema Kinderkriegen ungefähr auf einem Level zu halten. Das schwankt aber immer mal. Dieses Jahr ist mein zweiter Sohn auf die Welt gekommen, da läuft das Thema Kunst auch mal einige Zeit einfach nur mit. 

Was kommt als nächstes?

Ich würde gern das Buch weiter vorstellen. Lesungen, Vorträge, solche Interviews hier. Da darf man mich auch gerne immer nach fragen. Einfach, weil mir das Thema wirklich am Herzen liegt.  Das wirklich nächste Projekt wird dann HeyCreatives.com. Das ist ein Orga-Tool für Firmen, die mit Freelancern arbeiten. Das habe ich mit drei Freunden entwickelt. Ich hab während meinen Buchungen gemerkt, dass in Agenturen eine Freelancer-Datenbank fehlte. Das war meist ein ziemliches Durcheinander. Mit HeyCreatives können die Personaler duzende Freelancer mit einem Klick anfragen und auch Teams zusammenstellen. Das spart enorm viel Zeit. Da dürfen sich natürlich auch gern Firmen bei uns melden. Die Betaversion läuft aktuell schon in einigen großen Agenturen. Sowas zu machen, gehört eigentlich auch wieder zum Thema kreative Freiheit.    Andre Hennen Kunst, Kommerz und Kinderkriegen Festanstellung, Freelance, Firmen- und Familiengründung. Gestaltung: Anna Lindner Fadengeheftetes Flexcover aus changierendem Lagune-Leinen und griffigem Kork mit Lesebändchen Euro 29,80 ISBN 978-3-87439-874-9 https://typografie.de/ Titelfoto: Carolin Wanitzek
Anzengruberstraße 7
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