Atelier für Grafikdesign
und Typografie
05.2016
– Interview –
Die 100 wichtigsten Dinge
Im Gespräch mit den Herausgebern

Wie entstand die Idee dazu?

Die Zeitgenossenschaft erforscht schon lange die Dinge. Bereits 1968 entwarf der Kölner Anthropologe und Sozialwissenschaftler Max Schemmler in seinem Klassiker Soziologie im Labor. Einführung in die Methodik zeitgenössischen Denkens im Anschluss und im fruchtbaren Austausch mit der Frankfurter Schule eigene Theorien und Methoden für eine Dingforschung und forderte, sich nur mit den wichtigsten Dingen zu beschäftigen. Damals konnte man jedoch noch nicht wissen, welche Dinge das sind. Nach dem zu frühen Tod Schemmlers, mit welchem es um die Zeitgenossenschaft leiser wurde, interessierte sich über Jahrzehnte niemand mehr für die Frage nach der Wichtigkeit. In den letzten Jahren kam jedoch die Dingforschung in den Geisteswissenschaften durch Autoren wie Bruno Latour wieder in Mode und erzeugte international eine breite Auseinandersetzung mit den Relationen zwischen Menschen und Dingen – allerdings ohne die von Max Schemmler geforderten wichtigsten zu benennen. Nachdem wir diese Forschung jahrelang beobachtet hatten, kamen wir vom Institut für Zeitgenossenschaft IFZ einstimmig zu dem Entschluss, dass diese Erkenntnislücke geschlossen werden muss; um unsere eigene Position zu formulieren und zugleich um auch allen anderen Wissenschaften unsere Erkenntnisse zur Verfügung stellen zu können. Der Anspruch war jedoch immer, dass dieses neue Wissen auch für Nicht-Wissenschaftler verständlich sein, zudem schön anzuschauen und finanziell erschwinglich sein muss. Dass es letztendlich ausgerechnet 100 Dinge wurden, die heute aus zeitgenossenschaftlicher Perspektive als die wichtigsten bezeichnet werden müssen, damit konnte vorher niemand rechnen, das hat nach all den Jahren der akribischen Analysen selbst die Zeitgenossenschaftler überrascht – schließlich waren es doch mehr als erwartet.

Woher kommen diese Dinge?

Es handelt sich um größtenteils sehr gewöhnliche Dinge, die in der Ersten Westlichen Welt den meisten Menschen bekannt sein und zur Verfügung stehen dürften. Wir fanden sie sozusagen im Archiv des Alltags. Im Detail: 20% lagen im Keller unseres Direktors Tilman Ezra Mühlenberg oder seiner Familienangehörigen. 1% stammen aus Marokko. 1% wurden in einem Waffenladen gekauft. 2% stammen von einem Schrottplatz. 12% sind gebraucht. 31% wurden in einem Baumarkt oder auf dem Flohmarkt mit ähnlichem Sortiment gekauft. 18% wurden im Internet bestellt. 2% wurden im Internet bestellt und konnten nicht wieder zurückgegeben werden. 1% sind Spezialanfertigungen. 2% sind Leihgaben. 2% sind Fotomontagen oder Grafiken. 2% sind in der freien Natur erhältlich. Bei 3% handelt es sich um product placement. 1% konnten nur in einem aufwendigen Verfahren nach Abschluss der Forschung von den Layoutern hergestellt werden. Nur 2% wurden geklaut.

Wie entstand diese konkrete Auswahl?

Das erste Ding war Schaum, das letzte das Buch: Die Auswahl ist das Ergebnis dreijähriger Forschungsarbeit. Ende 2012 wurden zunächst 27 zweifelsfrei wichtige Dinge definiert und als performative Ausstellung mit gerahmten Originalexponaten im Museum Kunstpalast Düsseldorf der Öffentlichkeit präsentiert. 2013 folgte die große »Jahrhundertschau des Wissens« im Atelier des Fotografen Horst Wackerbarth in Düsseldorf. Hier konnten wir begleitet von hypermedialen Vorträgen 60 Dinge und Texte präsentieren. Bis zur Veröffentlichung wurde durch individuelle Textarbeit und in regelmäßigen gemeinsamen Sitzungen nach geeigneten Dingen gesucht und ihre Wichtigkeit diskutiert. Am Anfang standen ja alle Dinge der Welt zur Debatte. Der Ausschuss an nicht wichtigen Dingen war gigantisch. Letztlich blieben also im Verlauf der Forschung zunächst die scheinbar wichtigen übrig, die dann streng überprüft und analysiert wurden. Einige Dinge entfalteten ihre Wichtigkeit erst im Akt des Fotografierens in der Hohlkehle. Andere flogen genau an diesem Punkt aus der Auswahl heraus. Sicher ist, dass es sich um die konkreteste und endgültigste Auswahl handelt, welche die Dingforschung und die Kulturwissenschaften jemals hervorgebracht haben.

Was war für Euch das Wichtige dabei?

Ein wirklich wichtiges Ding erkennt man im Alltag nicht einfach daran, dass es beispielsweise für einen bestimmten Zweck besonders nützlich ist. Es ist ebenso wenig zielführend, nur die Dinge zu analysieren, die mit einer gewissen Häufigkeit vorkommen oder besonders wertvoll sind. Über die Wichtigkeit eines Dings entscheidet allein das Ding selbst, indem es etwa soziale, ökonomische oder philosophische Fragen aufwirft und dabei seine eigene Dinglichkeit transzendiert. Oder indem es stellvertretend für eine Gruppe von Dingen steht und damit als Repräsentant für eine spezifische dingliche Eigenschaft, Materialität oder Form gelten kann. Über die Beschreibung wichtiger Dinge gelangt der Zeitgenossenschaftler zu Erkenntnis und Wahrheit, die weit über die Dinge selbst hinausragt.

Was hat es vorangetrieben und welcher Ehrgeiz steht dahinter?

Größter Ehrgeiz war der Wunsch, als erstes Institut ein Buch mit genau diesem Titel und in dieser Form vorzulegen. Seitens der Zeitgenossenschaft bestand da allerdings keine Konkurrenz. Wir wollten mit diesem Werk im größtmöglichen Umfang wieder an die zeitgenossenschaftlichen Vorarbeiten erinnern sowie die neuesten Erkenntnisse im aktuellen Diskurs platzieren. Im konkreten Tagesgeschäft hat dieses Projekt über weite Strecken der Beirat Martin Martin Schlesinger vorangetrieben, indem er immer wieder Zwischenberichte der sich tief in ihren Forschungen befindenden Institutsmitgliedern einforderte. Zu unserer aller Glück übernahm diese Aufgabe 2015 der Verlag Hatje Cantz mit der Erstellung eines unumstößlichen Zeitplans. Zudem waren wir es den Spendern und Geldgebern unserer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne schuldig, das Buch mit geringstmöglichem Verzug zu publizieren und es ihnen zuzuschicken.

Was erhofft Ihr euch für eine Reaktion und was für einen Umgang damit?

Jede Reaktion und jeder Umgang sind für uns positiv. Grundlegend geht es uns darum, in den Menschen die Freunde und den Wunsch nach der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis zu befördern. Wir denken, das Erkenntnis Glück bedeutet, und dass es die Aufgabe der Wissenschaft ist, das Glück der Menschheit zu vermehren. Auf keinen Fall möchten wir Leser dazu auffordern, ihren dinglichen Besitz auf Vollständigkeit zu überprüfen oder sie gar dazu anhalten, Dinge wegzuwerfen. Dieser Anspruch bleibt der Ratgeberliteratur vorbehalten. Uns geht es ausschließlich um das Erkennen. Für unbedingt wichtig erachten wir jedoch den Erwerb von Die 100 wichtigsten Dinge, damit jeder Haushalt dieses Buch besitzt. Für den wissenschaftlichen Diskurs wünschen wir uns auch außerhalb der Zeitgenossenschaft eine rege Auseinandersetzung und einen fruchtbaren Austausch mit dem von uns vorgelegten Grundlagenwerk. Mögen eines Tages andere kommen, die auf Basis unserer Ideen ähnlich bedeutsame Forschungsergebnisse präsentieren. (Langesommer im Gespräch mit Samira El Ouassil, Timon Karl Kaleyta, Tilman Ezra Mühlenberg, Martin Martin Schlesinger) Mehr Infos zum Projekt
Anzengruberstraße 7
12043 Berlin, Germany
FacebookTwitter